Ulis Culinaria

Frère Clément Rodier

*1839 Malvieille, †1904 Misserghin

Im Jahr 1892 besuchte der französische Arzt und Botaniker Louis Charles Trabut in Algerien eine Gärtnerei. Diese pépinière wurde von der Congrégation du Saint-Esprit als landwirtschaftliches Arbeitsprojekt eines Waisenhauses in Misserghin betrieben, einem Städtchen im Nordwesten des damals von Frankreich besetzten Landes, unweit der Mittelmeerküste im Bezirk Oran gelegen. Leiter der Gärtnerei war seinerzeit der Mönch Clément.

In seiner Heimat, der Auvergne im französischen massif central, hatte der junge Vital Rodier bereits einige Grundlagen des Pflanzenanbaus

kennengelernt, bevor er sich im Alter von 13 Jahren einem Kartäuser-Orden anschloss. Das harte Leben nach klösterlichen Regeln bekam ihm – besonders in den rauen Gebirgswintern – allerdings nicht besonders gut, zumal er schon von Kindesbeinen an immer wieder gekränkelt hatte. Deshalb nahm er dankbar die Gelegenheit an, mit einem Onkel, ebenfalls Mönch, nach Algerien zu ziehen, wo das Klima Linderung versprach. Im Spiritaner-Orden, wie die Congrégation auf Deutsch genannt wird, legte er schließlich sein Mönchsgelübde ab und nannte sich von da ab

Bruder Clément.

Wegen seiner landwirtschaftlichen Vorkenntnisse wurde er innerhalb des Waisenhaus-Projektes mit Arbeiten in der Gärtnerei betraut. Nach und nach baute er den Betrieb zu einer stattlichen Baumschule aus, in der sich die Landwirte der Region mit neuen Kulturpflanzen versorgen konnten. Wegen dieser Erfolge wurde ihm bald die Leitung der Gärtnerei übertragen. Auf rund drei Dutzend Hektar baute er Wein an, und ständig erweiterte er die Plantage um neue Nutzpflanzen, darunter auch diverse Zitrus-Arten (Buddha). Nebenbei erkundete er die klimatischen Bedingungen, indem er über fast 40 Jahre hinweg einen präzisen Niederschlags- und Temperatur-Kalender führte.

All diese Bemühungen haben auch bei den Kolonialherren in Frankreich Aufmerksamkeit erregt, nicht zuletzt durch den kommerziellen Anbau von Gewächsen, die man bei Frère Clément in Misserghin gekauft hatte. Und Docteur Trabut fand bei seinem Besuch unter anderem eine neuartige Zitruspflanze, deren Früchte sich von den wohlbekannten Bitterorangen, Zitronen und Orangen unterschied und die er deshalb, als vermutliche Erfindung des Ordensbruders, Clémentine nannte. Er bestimmte sie zunächst als Kreuzung aus der Bitterorange Citrus x aurantium und der Mandarine Citrus reticulata. Spätere Botaniker zogen unterschiedliche Entstehungen der Frucht in Betracht, beispielsweise als Hybrid aus Mandarine und Orange oder andere Konstellationen.

Auch die Frage, ob es sich um eine gezielte Züchtung von Bruder Clément oder um einen Zufallssämling handelte, ist bis heute umstritten. Die Plantage in Misserghin verschwand einige Jahre später vom Erdboden, weshalb die heute üblichen genetischen Untersuchungen der ersten Clementinen-Bäume nicht mehr möglich sind. Inzwischen gibt es weltweit eine solche Menge an weiteren Kreuzungen und Zuchtvarietäten, dass selbst die Fachleute mit der genauen Benennung durcheinandergeraten. Bis heute findet man sowohl Citrus x aurantium als auch Citrus x reticulata sowie Citrus clementina unter den Fachbezeichnungen. Im Obsthandel wird neben Mandarine und Clementine noch die Satsuma als dritte Gruppe unterschieden, benannt nach der japanischen Provinz, aus der sie stammen soll.

Als Trabut die neuartige Zitrusfrucht bei der von ihm geleiteten Algerischen Landwirtschafts-Gesellschaft vorstellte, wurde sie auf Anhieb mit einer Goldmedaille gewürdigt. Und das nicht nur wegen ihres ausgewogenen Geschmacks zwischen Süße und Säure. Denn die Pflanze erwies sich bald als so kälteresistent, dass sie schnell in Südeuropa heimisch wurde, und im US-Staat Florida ersetzte sie später einen Großteil der Orangenkulturen, die einem extrem strengen Winter zum Opfer gefallen waren. Nach wie vor gehören die südlichen USA, Nordafrika und Südeuropa zu den Hauptanbaugebieten der Clementine. Nach der Hafenstadt →Tanger in Algeriens Nachbarland Marokko ist die Tangerine benannt, die von der Clementine kaum zu unterscheiden ist. 

Dem Obstliebhaber auf dem Wochenmarkt oder am Frischestand im Supermarkt sind wahrscheinlich eh die kulinarischen Eigenschaften wichtiger als die botanische Nomenklatur.

Es darf bezweifelt werden, ob selbst die Lieferanten immer ganz genau wissen, ob sie ihre Früchte nun als Mandarine oder Tangerine, als Satsuma oder eben als Clementine etikettieren sollen. Je nach Zuchtform unterscheiden sich alle diese Schwestern in der Anzahl der Kerne, in ihrer Saftigkeit und in der Frage, wie leicht sich die Fruchtsegmente aus der Schale befreien lassen. Mehr noch als das Studieren von Botanikbüchern lohnt sich bei Clementine&Co. auf alle Fälle das altbewährte Prinzip:

Ausprobieren!

Das hätte wahrscheinlich Frère Clément selbst auch nicht anders gemacht.

Auf den Ländereien um den süditalienischen Golf von Tarent (ital. →Taranto) werden die Früchte unter dem Schutz einer →IGP angebaut.