Ulis Culinaria

Sarah Bernhardt

*1844 Paris, †1923 Paris

Als Tochter einer niederländischen Hutmacherin, die sich im Paris des Second Empire eher als courtisane durchschlug und deshalb wenig Zeit zur Erziehungsarbeit aufbrachte, kommt die kleine Henriette-Marie, so ihr eigentlicher Taufname, schon früh in ein Mädchenheim. Ihren Vater lernt sie nie kennen. Selbst ihr genaues Geburtsdatum ist nicht bekannt, erst 1914 wird anlässlich der Ernennung der dann schon weltberühmten Schauspielerin zur Ritterin der Légion d’Honneur der 25.09.1844 per amtlichem Erlass festgelegt.

Pfingstrose Paeonia lactiflora Sarah Bernhardt

In der katholischen Schule wird die junge Jüdin zum christlichen Glauben umerzogen und spielt sogar mit dem Gedanken, Nonne zu werden. Aber bei religiös geprägten Theateraufführungen beweist das Mädchen solches mimisches Talent, dass man ihm eine Schauspielausbildung am renommierten Conservatoire d’Art dramatique de Paris ermöglicht. Da ist Marie gerade 15 Jahre alt. 1862 schließt sie ihre Ausbildung mit Auszeichnung ab und wird sofort an der Comédie Française, dem alteingesessenen Theater im Palais Royal, engagiert. Nur kurze Zeit später wird sie allerdings, trotz künstlerischer Erfolge, nach einer handgreiflichen Auseinandersetzung mit einer älteren Kollegin entlassen und taucht offensichtlich in die untersten Etagen der demi-monde, der Halbwelt ab, in denen sich auch ihre Mutter bewegte. Zumindest wird ihr Name in Polizeiprotokollen erwähnt, in denen es um verdeckte Prostitution geht.

Erst ein Engagement am Théâtre de l’Odéon bringt sie wieder auf die Bretter, die auch für sie die Welt bedeuten. Als das Haus während des deutsch-französischen Krieges 1870-71 zum Lazarett umfunktioniert wird, hilft sie bei der Versorgung verwundeter Soldaten tatkräftig mit, ein caritatives Engagement, das sie später im Ersten Weltkrieg wiederholt.

als Jeanne d'Arc

Mit 22 Jahren bringt sie ihr einziges Kind Maurice zur Welt. Den Vater darf sie jedoch nicht heiraten, da dessen adlige Familie die bürgerliche Schauspielerin als nicht standesgemäß ablehnt.

Dagegen glänzt sie weiter auf der Bühne, und der Schriftsteller Victor Hugo, in dessen Stück Ruy Bas sie die Hauptrolle spielt, tituliert sie begeistert als voix d’or, als goldene Stimme. Das Feuilleton verleiht ihr weitere Beinamen wie impératrice du théâtre (Kaiserin des Theaters) oder La Divine (die Göttliche). Sie selbst hat sich inzwischen den Künstlernamen Sarah Bernhardt zugelegt. Im Gegensatz zu vielen Kolleginnen, die sich im Grenzbereich von Schauspielerei und Edelprostitution bewegen (→Antigny), schafft sie endgültig den Durchbruch auf der Bühne. Sie hat zwar bis zu ihrem Tod etliche Beziehungen, heiratet sogar mehrmals, aber ihre selbst erarbeitete finanzielle Unabhängigkeit befreit sie aus der Rolle einer courtisane.

Sie kehrt noch einmal kurz ans Français zurück, gründet aber bald ihr eigenes Schauspielensemble, mit dem sie auf weltweiten Tourneen von Russland über die britische Insel bis in die USA zum gefeierten Weltstar wird. Als überzeugte französische Patriotin meidet sie allerdings zeitlebens die deutschen Bühnen. Diverse Autoren schreiben eigens für sie neue Theaterstücke, und sie gehört zu den ersten Schauspielerinnen, die die neu entstehenden Techniken der Ton- und Filmaufnahme nutzen. 

Walk of Fame, Hollywood

Der Erste Weltkrieg, in dem die meisten Theater schließen, sowie eine Beinamputation wegen fortschreitender Tuberkulose führen zu einem Einschnitt. Sie zeigt trotzdem mit Truppen- und Lazarettbesuchen, bei denen sie Theaterrollen und Gedichte rezitiert, künstlerisch-patriotischen Einsatz. An der Kriegsfront wird sie auf einem Stuhl (frz. chaise) sitzend zu den Soldaten getragen, die sie bald als Mère La Chaise verehren. Dass sie mit dieser liebevoll-sarkastischen Anspielung auf den Pariser Friedhof Père-Lachaise ihre letzte Ruhestätte vorwegnehmen, konnten die Soldaten natürlich nicht ahnen. Sarah Bernhardt stirbt am 26. März 1923 – der familiäre Kreis hat sich geschlossen – im Beisein ihres Sohnes Maurice. Bis heute versorgen namenlose Verehrer ihr Grabmal mit frischen Blumen.

Sarah Bernhardts Paraderolle war die der Kurtisane Marguerite in dem Stück La Dame aux Camélias. Aus eigener Anschauung zeichnet Autor Alexandre Dumas d.J. in der Kameliendame ein ziemlich realistisches Bild des Lebens in der demi-monde, der Halbwelt im Paris des 19.Jhs.

In gewisser Weise spielt Bernhardt hier auch ihr eigenes Leben nach.

Kamelienblüten

Aber man hat ihr nicht etwa eine besonders schöne Kamelienzüchtung gewidmet, sondern eine 1906 gezüchtete Pfingstrose mit milchweißen Blüten (lat.: lactiflora). Diese gehört immerhin bis heute zu den bei Gartenfreunden beliebtesten Sorten ihrer Art.

Plakat von Alfons Mucha

Der um die Jahrhundertwende aufkommende verspielte Kunststil des Art nouveau (z.B. im Plakat links) wird auch durch die von Bernhardt meist selbst entworfenen Theaterdekorationen und Köstüme beeinflusst, die sie auf ihren Reisen und in eigenen Theaterhäusern realisiert.

Immer wieder hat sie auch Männerrollen interpretiert. Große Erfolge feierte sie z.B. als Titelfigur in Shakespeares Hamlet.

als Hamlet

Fraises / Erdbeeren Sarah Bernhardt

Natürlich residierte sie bei ihren Gastspielen in den besten Hotels. Ob sie im Savoy oder im Carlton in London den großen Küchenmeister AugusteEscoffier persönlich getroffen hat, ist nicht bekannt. Aber der roi des cuisiniers war großer Liebhaber von Theater und Oper, und in autobiografischen Aufzeichnungen erweist er sich mehrmals als großer Bewunderer der impératrice du théâtre. Kulinarisch hat er das mit einem Dessert zum Ausdruck gebracht, für das er frische Erdbeeren (frz. fraises) in Zucker und Curaçao mazerierte und mit einem Sorbet aus pürierter Ananas sowie schaumiger Sahne-Eiscreme zu einer üppigen coupe (Kelch) dekorierte. 

Die Kreation nannte er

Fraises Sarah Bernhardt.

Durch Veröffentlichung des Rezeptes in Escoffiers Guide culinaire ist das Dessert zum festen Bestandteil der modernen französischen und internationalen Küche geworden.

Für mehrere Personen wird das Dessert anstelle der Coupe auch gerne als mit Erdbeeren garnierte Eisbombe auf einer Platte präsentiert.

Sarah-Bernhardt-Torte

In deutschen Konditoreien bekommt man gelegentlich ein Stück Sarah-Bernhardt-Torte zum Kaffee serviert. Abgesehen davon, dass wohl niemand mehr sagen kann, wie die Schauspielerin zur Namenspatin wurde, sind sich die Konditoren auch in der Zubereitung nicht so recht einig. Jedenfalls handelt es sich um eine mehrschichtige Torte aus Biskuit- oder Baiser-Böden und Creme. Häufig ist Marzipan im Spiel. Bei den einen wird es der Biskuitmasse beigegeben, bei den anderen der Füllcreme. Diese Creme variiert zwischen Mokka-Buttercreme und Ganache. Bei der Ausgarnierung gleicht fast kein Rezept dem anderen.

In Dänemark heißt Kuchen kage, und dort gestaltet man Sarah Bernhardt Kager als kegelförmig aufgetürmte Creme-Törtchen mit einer Mandel-Nuss-Makrone als Boden, das Ganze in praktischer Portionsgröße.