Ulis Culinaria

Epikur

*~341 v. Chr. Samos, †271 v. Chr. Athen

Im Fremdwörterbuch von Duden wird der Begriff epikureisch zum einen mit nach der Lehre des griech. Philosophen Epikur lebend erklärt und zweitens mit genießerisch; auf Genuss gerichtet; die materiellen Dinge des Daseins unbedenklich genießend.

Gegen das Wörtchen unbedenklich würden sich natürlich alle diejenigen wehren, die davon ausgehen, dass ein Philosoph schon gemäß der Berufsbezeichnung Freund der Weisheit wirklich nichts tut, ohne darüber hinreichend nachgedacht zu haben. Und erst recht weisen die klugen Denker eine Fehlinterpretation zurück, die ein epikureisches Mahl als nicht nur gedankenloses, sondern sogar maß- und haltloses Gelage versteht.

Über das Leben des griechischen Philosophen Epikouros sind nur wenig Details bekannt. Und selbst von diesen sind nicht alle historisch gesichert, denn die meisten Informationen entstammen einer Biografie, die erst rund 600 Jahre später geschrieben wurde.

Aber man kann davon ausgehen, dass seine Kindheit und Jugend nicht von Luxus geprägt waren. Sein Vater hatte auf der von Athen eroberten Insel Samos, wo er als Lehrer die griechische Kultur verbreiten sollte, etwas Land bekommen. Den Lebensunterhalt erwirtschafte die Familie mit einer eigenen kleinen Landwirtschaft. Aus diesen bescheidenen Verhältnissen hat sich Epikur zeitlebens die Haltung bewahrt, man könne ihn am einfachsten mit einem Stück Käse glücklich machen.

Auf die geistige Erziehung legten die Eltern offensichtlich großen Wert. Schon als Halbwüchsiger beschäftigte sich Epikur mit verschiedenen zeitgenössischen Philosophien und kam mit der atomistischen Lehre von Demokrit in Kontakt, derzufolge alle irdischen Dinge aus nur wenigen Arten von unveränderlichen Teilchen bestehen. Auf dieser Grundlage entwickelte er später seine Ideen, die im philosophischen Sprachgebrauch als Epikureismus zusammengefasst werden.

Mit knapp 20 Jahren zog er nach Athen, wo er eine klassische Ausbildung an einem Gymnasion erhielt, also eine Kombination aus körperlicher und geistiger Erziehung. Danach wechselte er wohl mehrmals den Wohnort, lebte eine Zeitlang auf Lesbos und beschäftigte sich mit diversen philosophischen Theorien seiner Zeit. Schließlich entschied er, dass die Lehre des Demokrit am ehesten als Basis für seine eigenen Ideen geeignet sei.

Wenn auch kaum Biografisches von ihm überliefert ist, so sind einige Schriften, vor allem aufschlussreiche Briefwechsel erhalten, in denen er die Grundlage seiner philosophischen Schule darlegt.

Schule ist im antiken Kontext tatsächlich so zu verstehen, dass kluge Menschen andere, meist jüngere Menschen anzogen, die von ihnen lernen wollten, ebenso klug zu werden und so zu deren Schülern wurden. Eine wichtige Schule jener Zeit war die um 300 v.Chr. von Zenon von Kition auf Zypern begründete Stoa (griech. für Säulenhalle), so genannt, weil die philosophischen Lehrgespräche unter einem von Säulen getragenen Dach stattfanden.

Statt in einer Stoa versammelte Epikur seine Anhänger gerne im Freien, aber unter schattenspendenden Bäumen. Nach dem griechischen Wort kipos für Garten nennt man seine Schule deshalb auch Kepos. Eine solche baumbestandene Oase erwarb Epikur nach seiner Rückkehr in Athen. Und er hatte Zulauf! Aus der gesamten hellenistischen Welt strömten Männer und Frauen allen Alters und aus allen gesellschaftlichen Schichten in sein Refugium, um den Worten des Meisters zu lauschen. Der Kepos hatte, wie auch andere Schulen jener Zeit, nach heutigem Verständnis durchaus etwas Sektenhaftes. Doch anders als Wanderprediger wie 300 Jahre später der Jude →Jesus von Nazareth in Palästina zogen die griechischen Schulgründer nicht mit ihrer Anhängerschar durch die Lande.

Ihre Schüler kamen nicht nur zu den philosophischen Lehrstunden in den Garten, sondern lebten und arbeiteten dort gemeinsam, teils auch über längere Zeit. Von der Stoa, mehr oder weniger eine reine Männergesellschaft, unterschied sich Epikur durch die Aufnahme von Frauen und Familien mit Kindern. Auch Sklaven, sonst eine ausgegrenzte Gruppe, wurden offensichtlich nicht zurückgewiesen. Und, ebenfalls anders als die frühen Christen, ging es Lehrern wie Zenon und Epikur nicht um das Verhältnis des Menschen zu Gottheiten, von denen es ja bei den alten Hellenen reichlich gab. Deren olympisches Reich hielten sie für abergläubischen Humbug, der einen nur davon abhält, sich selbstbestimmt um sein irdisches Lebensglück zu bemühen.

Wie das bei solchen von außen etwas geheimnisvoll, vielleicht gar elitär scheinenden Gruppen ist: Es wurde viel gemunkelt. Von Streben nach Lust redete man, und schnell wurden daraus wilde Gelage oder gar orgiastische Exzesse, die sich dort abspielen sollten.

Und an dem Begriff Lust lassen sich die bis heute fortbestehenden Missverständnisse der epikureischen Lehre festmachen. Denn das Streben des Menschen nach Erfüllung seiner Begierden ist zwar der Ausgangspunkt aller Überlegungen.

Aber in der Lebensweise, die Epikur für ideal hält, unterscheidet es sich fundamental von einem Lustprinzip, das nach Befriedigung durch maximalen, aber sinnlosen Überfluss sucht.

Denn die Unabhängigkeit von äußeren Dingen halten wir für ein großes Gut, nicht, weil wir uns jederzeit mit Wenigem zufriedengeben, sondern weil wir mit Wenigem auskommen, wenn wir nicht alles haben können.

In jenem Brief an seinen Freund Menoikeus fährt er fort:

Eine einfache Suppe kann die gleiche Lust bereiten wie ein üppiges Mahl, Wasser und Brot die gößte Lust, wenn man sie aus Hunger zu sich nimmt.

Und:

Einfache, wenig üppige Nahrung fördert die Gesundheit und nimmt dem Menschen die Sorgen vor den elementaren Bedürfnissen des Lebens, sie kräftigt uns, wenn wir uns nur gelegentlich an reich gedeckte Tafeln setzen, sie befreit uns von der Angst vor unserem Schicksal.

Man stelle sich nur vor, was die heutige Klatschpresse aus so einem epikureischen Garten machen würde! Das obige Zitat würde wahrscheinlich nicht gedruckt werden, die Vorstellung von einem sündigen Lustgarten ist ja schließlich viel besser verkäuflich. Boulevardblätter mit voyeuristischen Paparazzo-Fotos gab es zu Epikurs Zeiten natürlich noch nicht, aber das Bedürfnis nach Klatsch und Tratsch wohl schon. Und die passenden Bilder machten sich die Leute dabei im Kopf.

Wenn also gelegentlich noch heute im Zusammenhang mit üppigen Tafelfreuden von epikureischen Genüssen geredet wird, zeigt sich daran die Hartnäckigkeit solcher – beabsichtigter oder irrtümlicher – Fehlinterpretationen über Jahrhunderte hnweg.

Der französische Koch →Escoffier hatte ganz offensichtlich den alten Epikur gut studiert, bevor er seine kulinarische Kunst mit dessen Namen verband. Längst wurde er als cuisinier des rois et roi des cuisiniers (Koch der Könige und König der Köche) verehrt, als er 1911 die erste Ausgabe seines Carnet d’Épicure veröffentlichte. Mit der kulinarischen Fachzeitschrift (carnet = Heft) verfolgte er eines seiner Lebensziele, nämlich die weltweite Verbreitung der von ihm maßgeblich mitgeprägten cuisine française, der französischen Küchenkultur. Parallel dazu veranstaltete er die Diners d’Épicure. Beim ersten dieser epikureischen Gastmahle versammelten sich 1912 in verschiedenen Städten rund um den Globus insgesamt etwa 4.000 Feinschmecker, um zeitgleich ein von Escoffier persönlich komponiertes Menü zu genießen. Bei der letzten dieser Veranstaltungen, bevor der Erste Weltkrieg 1914 auch dem Carnet ein Ende setzte, waren es über 10.000 Gäste.

Bereits wenige Jahre vor Escoffier bekannte sich einer seiner Kollegen als Anhänger Epikurs. Der französische Chef Charles Ranhofer, der in New York die berühmten Eggs Benedict erfunden haben soll (LeGrand), betitelte sein großes, 1894 erschienenes Kochbuch mit The Epicurean.

Escoffier, Ranhofer und unzählige weitere Küchenchefinen und -chefs praktizierten nun wahrlich keine Armenküche.

Aber eine Esskultur im Sinne von luxuriöser Völlerei kann den meisten sicher nicht nachgesagt werden. Vielleicht glich ja der eine oder die andere unter ihnen dem Vorbild Epikurs in dem leicht elitären Anspruch. Doch bei jenen Großen der Küchengeschichte, deren Namen sich erhalten haben, war sicher die Maxime eher der bewusste Genuss von guten, sorgsam ausgewählten und ebenso sorgsam zubereiteten Lebensmitteln und vor allem die Ehrfurcht vor den Erzeugern derselben.