Ulis Culinaria

Crailsheim

Crailsheimer Horaffen

Crailsheim liegt im Nordosten von Baden-Württemberg in den schwäbisch-fränki-schen Waldbergen. Im 14.Jh. gehörte die Stadt zum Herrschaftsgebiet des Fürsten-hauses Hohenlohe. Dieses hielt Karl IV. die Treue, als sich ein paar andere Städte im Schwäbischen Städtebund zusammen-schlossen, um sich gegen die Ausbeutung durch den steuergierigen Kaiser zur Wehr zu setzen. Um 1380 kam es dann zur Belagerung Crailsheims durch Söldner-Truppen des Städtebundes. Nach mehreren Monaten waren die Vorräte der Bevölke-rung allmählich erschöpft. Da ersannen die Crailsheimerinnen eine List: Aus dem letzten verbliebenen Mehl buken sie große halbmondförmige Hörnchen, die sie als Beweis des Überflusses von der Stadt-mauer zu den Belagerern hinunterwarfen. Zudem demonstrierte die Frau des Bürgermeisters den feindlichen Soldaten die vorgeblich gute Ernährung der Stadt-bevölkerung, indem sie ihr üppiges Hin-terteil entblößte, das wie zwei weiße Halbmonde von der Stadtmauer herab-leuchtete. Angesichts der offensichtlichen Unmöglichkeit, die Crailsheimer in abseh-barer Zeit zur Aufgabe wegen Hungers zu zwingen, zog der Städtebund seine Truppen ab.

So weit die Legende. Aber ob wahr oder nicht, die Hörnchen werden von den Bäckern der Stadt bis heute als

Crailsheimer Horaffen

angeboten. Solche hörnchenförmigen Backwaren waren schon lange vor der Belagerung von Crailsheim als Horaffen, als offenes Horn im ganzen Schwabenland üblich. Hier wird der Teig jedoch zu einem Doppelbogen wie bei einem abgerundeten W bzw. bei einer 3 geformt. Bei Festen aller Art, z.B. beim jährlichen Crailsheimer Stadtfest oder in der Fastnachtszeit, erinnert das Hefegebäck an die heldenhafte List der Frauen – und mit seiner Form des doppelten Halbmondes besonders auch an die zur Schau gestellten Hinterbacken der Frau Bürgermeister. Das Stadtfest findet jeweils am 7. Wochenende vor Ostern statt. 1380 war dies der 1. Februar, der Tag, an dem die Belagerer von Crailsheim abzogen.

Das Motiv der gebackenen Pobacken wird – in eher humoristischer als erotischer Weise – immer wieder in Karikaturen und im Souvenirgeschäft aufgegriffen. Selbst ein örtlicher Sportverein hat die Horaffen in sein Logo integriert. Gelegentlich werden die drei nach oben stehenden Enden des gebackenen W in Abbildungen auch als Turmspitzen dargestellt, denn die Silhouette der Stadt ist geprägt von zahlreichen historischen Türmen.

... einen Zacken zulegen ...

Im Namen sowie im Wappen der Stadt ist übrigens ein wichtiges Ausstattungsdetail früherer Küchen enthalten:

Um die Hitze des Kochtopfes über der offenen Feuerstelle des Herdes regulieren zu können, hängte man ihn jeweils etwas höher oder niedriger in eine der Zacken bzw. Einkerbungen des sogenannten Kesselhakens. 

Drei solche Krallen, je nach Dialekt Kräuel oder Craile genannt, sind – auf den Kopf gestellt – seit dem Mittel-alter im Wappen von Crailsheim abgebildet.

Ob sich allerdings die Redensart einen Zacken zulegen wirklich auf den Kes-selhaken bezieht, ist umstritten. Dagegen spricht, dass man zur Er-höhung der Hitze den Kessel um einen oder mehr Zacken absenken musste. Und sprachlich verbindet man zulegen eher mit Bewegung nach oben oder nach vorne.