Ulis Culinaria

Charles Grey, 2nd Earl Grey

*1764 Fallodon, †1845 Howick

Earl Grey Tea

Eine der größten Drogenhandels-Organisationen aller Zeiten war die British East India Company, die im 19.Jh. in Indien Opium produzieren ließ, das sie dann gewinnbringend in China auf den illegalen Markt brachte. Denn in China war das Rauschgift verboten, und erst, nachdem die Engländer 1842 den sog. Opiumkrieg gewonnen hatten, mussten die Chinesen den Drogenhandel dulden.

Ursprünglich war die Britische Ostindien-Kompanie 1600 entstanden, um dem britischen Königreich eine Vormachtstellung im Handel mit Gewürzen, Tee und anderen Gütern aus Ostasien zu sichern. Mehr und mehr bekam die Company aber Souveränitätsrechte zuerkannt, die weit über den reinen Handel hinausgingen. In Indien z.B. wurde sie zur vorherrschenden und von der britischen Krone weitgehend unabhängigen politischen Macht. Damit waren natürlich auch Handelsmonopole verbunden, die wiederum zu Konflikten mit anderen europäischen Kolonialmächten führten. Mit dem Anna (Hindi für Speise) führte die Company sogar eine eigene Währung für Indien ein. Eines der wichtigsten Handelsgüter war der Tee.

Tee, Gewinn aus Sklaverei ...

Lukrativ wurde das Kraut, das die bis heute gepflegte englische Teekultur begründete, vor allem durch die skrupellose Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft in der Sklaverei. Das so lange funktionierende einträgliche Geschäftsmodell erlitt allerdings 1833 einen Rückschlag. Seinerzeit hatte Charles Grey, der 2. Graf von Grey, den Posten des britischen Premierministers inne, und zu seinen wichtigsten Amtshandlungen zählten die Aufhebung des Preis-Monopols der British East India Company sowie der Slavery Abolitian Act, mit dem Grey – gegen massiven Widerstand der Tories – die Sklaverei in den britischen Kolonien beendete.

Charles Grey, im hohen Norden Englands nahe der schottischen Grenze geboren, genoss eine solide Ausbildung an der renommierten University of Cambridge, rund 80km nördlich von London. In diesen Jahren bereiste er fast ganz Europa, und besonders seine Aufenthalte in Frankreich machten ihn aufgeschlossen gegenüber dem tradierten Erzfeind Englands. Er schloss sich der liberalen Partei der Whigs an, die im britischen Parlament die einzige Opposition gegenüber den monarchietreuen, konservativen Tories darstellten. Schon 1786, also mit 22 Jahren, wurde er als Abgeordneter in das britische Unterhaus gewählt. Die zu jener Zeit in Frankreich wirkenden revolutionären Kräfte bestärkten Greys Bestrebungen, auch im eigenen Land für stärkere Rechte des Parlaments zu kämpfen.

Je nach den schwankenden Mehrheitsverhältnissen saß er nun auf der Oppositionsbank oder wurde mit wichtigen politischen Ämtern betraut. In den ersten Jahren des 19.Jhs. hatte er das Außenministerium inne, bevor er für mehr als 20 Jahre lang wieder in die Oppositionsrolle schlüpfen musste. 1830 übernahm er das Amt des Premierministers, nachdem sein Vorgänger, der Duke of Wellington, die Regierung aufgelöst hatte. Greys Amtszeit dauerte auch nur knapp vier Jahre, aber die Abschaffung des Monopols der Company und ihres Sklavensystems fiel eben in jene Zeit. Und die Company ihrerseits versuchte, den Opiumhandel damit zu rechtfertigen, dass sie die Maßnahmen Greys viel Geld gekostet hätten. Vor allem im Teegeschäft reklamierte die Handelsgesellschaft drastische Verluste, die nur mit dem Drogengeschäft kompensiert werden könnten.

Grey Monument Newcastle

Längst war der Tee, weit vor dem Kaffee, zum beliebtesten Heißgetränk der Briten geworden. Das Company-Monopol hatte den Rohstoff für die tea time allerdings zu einem teuren Gut werden lassen, das sich die geringerverdienenden Gesellschaftsschichten kaum leisten konnten. Die Erlasse des Premierministers ließen nun die Teepreise fallen. Das dankte man ihm spät oder, wie manche Historiker meinen, erst postum mit der Benennung einer besonderen Teesorte als Earl Grey Tea.

Die Namensgebung geht sicherlich nicht auf eine besondere Vorliebe des Grafen für diese Sorte zurück, auch wenn das eine oder andere Teehandelshaus aus Marketinggründen gerne eine persönliche Mitwirkung Greys an der Erfindung des nach ihm benannten Tees behauptet. Mit dem Handel oder gar der Produktion von Tee hatte er direkt nichts zu tun, und China hat er selbst nie bereist. Nach 1880 taucht der Name erstmals als offizielle Handelsbezeichnung in der Werbeanzeige eines Londoner Händlers auf. Manche behaupten dagegen, bereits Mitte des 19.Jhs. habe man von einem Grey’s Tea gehört.

Beim Earl-Grey-Tee handelt es sich auch nicht etwa um eine bestimmte Züchtung von Camellia sinensis, wie die Teepflanze wegen ihrer Herkunft (wörtlich: chinesische Kamelie) von Botanikern genannt wird. Ursprünglich importierten die Briten vor allem in China geerntete Blätter, die zu sog. grünem Tee verarbeitet waren. Um die Abhängikeit von China zu lockern, begann die Ostindien-Kompanie noch während des Opiumkrieges, auf dem von ihr kontrollierten indischen Subkontinent, auf Sri Lanka (dort geernteter Tee wird noch heute nach dem früheren Landesnamen Ceylon genannt) und in Afrika, Teeplantagen aufzubauen.

Camellia sinensis

Die hiesigen Ernten wurden nun einem aufwändigen, für die Produktion von grünem Tee nicht erforderlichen Fermentierungsprozess unterzogen, der die Blätter dunkelbraun verfärbt. Das Resultat ist seitdem als schwarzer Tee bekannt. Natürlich beeinflusst dieser Herstellungsprozess auch das Geschmacksergebnis. Wesentliche Unterschiede weisen aber schon die inzwischen weltweit auf alle tropischen und subtropischen Zonen verteilten Anbaugebiete mit ihren jeweiligen klimatischen und geologischen Bedingungen auf. Geschmackliche Nuancen ergeben sich auch aus dem Wachstumsstadium der Blätter zum Erntezeitpunkt, aus der Sortierung und weiteren Faktoren.

die Bergamotte, ...

Und schon früh haben die Teefachleute zusätzliche Geschmacksgeber eingesetzt. Für den Earl-Grey-Tee hat man die Bergamotte gewählt. Diese Zitrusfrucht ist wahrscheinlich – selbst Botaniker wollen sich da nicht festlegen – aus einer Kreuzung der Zitronatzitrone Citrus medica (→Buddha) mit der Bitterorange Citrus x aurantium im 17.Jh. entstanden. Ihr wissenschaftlicher Name lautet Citrus bergamia oder auch Citrus x limon. Im Unterschied zur Orange, Zitrone, Limette und anderen Zitrusfrüchten bietet die Frucht der Bergamotte nur sehr geringe Saftigkeit, dafür herben Bittergeschmack. Deshalb kommt sie als Tafelobst nicht zum Zug. Aber die dicke Schale enthält enorm viel ätherische Öle, die sich extrahieren und zu intensiv duftendem Bergamotte-Öl verarbeiten lassen.

Das herb-fruchtige Aroma ist vor allem in der Parfümerie begehrt. In der Konditorei, auf der Dessertstation und in der industriellen Lebensmittel- und Süßwarenproduktion kommt es, allerdings in mikroskopischer Dosierung, zu kulinarischen Ehren. Und den Earl Grey macht es zu einem besonderen Teegenuss. Für Teeliebhaber, die es nicht ganz so herb mögen, wird die Bitterkeit der Bergamotte mit Extrakten aus Orangenschalen etwas abgemildert. Diese Soft-Version mochte man im 19.Jh. freilich dem starken Geschlecht nicht zuschreiben, weshalb man sie als Lady Grey aufbrühte …

Die teure Gewinnung des Bergamotte-Öls – für einen Liter braucht man die Schalen von mindestens 200kg Früchten – wird inzwischen häufig durch sog. naturidentische, also synthetische Aromen aus chemischen Labors ersetzt. Wenn man auf einem echten Earl-Grey-Tee mit wirklichen Bergamotte-Aromen besteht, sollte man das nötige Kleingeld in der Tasche haben!

... fruchtig-herbe Note

Bergamotte

Der Rücktritt Greys vom Amt des Premierministers im Juli 1834 war nicht zuletzt auch eine Folge seiner liberalen und sozialen Politik, mit der er sich natürlich besonders im britischen Oberhaus keine Freunde schaffte. Mit seinen nun 70 Jahren hatte er sich einen gemütlichen Ruhestand aber sicherlich verdient. Welchen Tee er sich im Salon von Howick Hall, dem Altersdomizil in seiner nordenglischen Heimat, zum obligatorischen five-o-clock-tea servieren ließ, ist nicht überliefert. Aber sehr wahrscheinlich hat er ihn nach englischer Manier mit etwas Milch, Sahne oder clotted cream, einer dicklichen Rahmzubereitung, verrührt. Und dazu vielleicht ein paar scones, das typische Teegebäck, oder ein Sandwich genossen.