Ulis Culinaria

Edward VII.

*1841 London, 1910 London

Schlechter Umgang – Glücksspiel – Liebeleien mit Schauspielerinnen – schwere Trinkerei – Moralverlust …

Diese Vorwürfe sind auf dem Record of his Royal Highness the Prince of Wales aufgeführt. Das gewichtige Sündenregister wird Seiner Königlichen Hoheit von keiner Geringeren als Queen Victoria persönlich vorgehalten. Und der Beschuldigte steht in der Pose eines ertappten Lausbuben da, allerdings schon recht greisenhaft mit Bart und hoher Stirn. Statt eines Zepters hat Mama Königin einen Reiserbesen in der Hand – bereit für eine Tracht Prügel.

So sah es der Karikaturist einer satirischen Zeitschrift im Juni 1891. Anlass war der gerade laufende Prozess um eine Glücksspielaffäre. Und Kronprinz Albert Edward, jener royale Lausbub von 50 Jahren, musste seine Teilnahme an der verbotenen Baccarat-Partie eingestehen – was für ein Skandal! In der Karikatur wird denn auch als letzter Anklagepunkt aufgeführt:

Too too too fond of Baccarat!

Viel zu vernarrt ins Baccarat!

Auf erstaunliche Weise trifft der satirische Zeichner die Situation des Kronprinzen: Denn von Geburt an war Bertie, wie Edward Albert familiär genannt wurde, als Prince of Wales dazu bestimmt, einmal die Nachfolge seiner Mutter auf den Thron des Vereinigten Königreichs anzutreten. Aber die royal mamaVictoria, seit 1837 Queen, dachte noch überhaupt nicht daran, ihrem Sohn die Verantwortung zu übergeben. Eigentlich hielt sie ihn auch gar nicht für fähig, das Empire zu führen, er sei … totally totally unfit for ever becoming king!

Prince Edward als 5-jähriger Matrose (F.Winterhalter)

Schon lange vor dem Glücksspiel-Skandal, von Kindesbeinen an, hatte Bertie sich, trotz erlesenster Erzieher und Lehrer, nicht sonderlich willig gezeigt, sich auf die Königswürde trimmen zu lassen. Als sich der 20-jährige Sprössling während seiner Militärausbildung in Schottland mit der Schauspielerin Nellie Clifden einließ, schickte Victoria ihren Gatten →Albert, um den ungeratenen Sohn auf den rechten Weg zu bringen. Und dass der Prinzgemahl wenig später verstarb, lastete die Queen zeitlebens dem Gram über die Uneinsichtigkeit Edwards an, nicht etwa der schweren Erkrankung, an der Albert schon länger litt.

Immerhin brachte sie Edward zwei Jahre später dazu, in standesgemäßem Gehorsam Prinzessin Alexandra von Dänemark zu ehelichen. Aus der Verbindung entsprossen fünf Kinder (ein sechstes starb kurz nach der Geburt), was Edward aber nicht von weiteren außerehelichen Affären abhielt. Manche Chronisten zählen mehr als 50 Schauspielerinnen, Kurtisanen und andere illustre Damen als Mätressen auf. Techtelmechtel werden ihm u.a. nachgesagt mit den in diesem Buch erwähnten Schauspielerinnen Hortense Schneider (→Helena) und SarahBernhardt. Und mit dem späteren Premierminister Winston Churchill verband ihn die Liebe zu dessen Mutter Jennie Churchill. Auch 1890, im Londoner Hotel Savoy, genossen Edward und seine Begleiterin Suzanne Reichenberg sicher nicht nur die Kochkunst des französischen Chefs Auguste Escoffier, als dieser ein Dessert aus feinen Pfannkuchen auf den Namen Crêpes Suzette taufte.

Heirat 1863

Überhaupt liebte Edward die im Vergleich zum prüden englischen Viktorianismus lockere französische Lebensart, weshalb durchaus die Bezeichnung bonvivant zutrifft. Die ewige Wartezeit auf den Thron vertrieb er sich – neben seinen Mätressen – mit der Förderung der schönen Künste, mit Reisen, Pferdewetten und bei Jagdausflügen. Nebenbei nahm er zumindest repräsentative royale Pflichten wahr, da sich seine Mutter, freilich ohne abzudanken, nach dem Tod des Vaters ziemlich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte.

Aber selbst da blieb der Prinz, wie die Karikatur von 1891 zeigt, seiner Liebe zu schönen Frauen, zu Glücksspiel und zu ausgiebigem Alkohol- und Tabakgenuss treu.

Und zu gutem Essen!

Schon als Baby war Bertie offensichtlich ein Schleckermäulchen. Denn in dem 1846 erschienenen Buch The Modern Cook von Charles Elmé Francatelli, der von 1840-42 als persönlicher Koch für das leibliche Wohl der Queen und ihrer jungen Familie sorgte, ist unter N° 1341 das Rezept für Iced Pudding, à la Prince of Wales aufgeführt. Pudding meint im Englischen nicht nur die süße Schleckerei, die bei Deutschen unter dieser Bezeichnung auf den Tisch kommt, sondern alle möglichen cremig-weichen Zubereitungen. Selbst Wurstwaren, die wie Blutwurst eine derartige Konsistenz aufweisen, werden beim butcher als black pudding bestellt (→Stornoway). Und iced pudding war seinerzeit die Bezeichnung für Eiscreme. Parallel verwendet Francatelli die bis heute gebräuchliche Form icecream, manchmal auch iced cream.

In diesem Fall widmete der italo-britische Hofkoch dem kleinen Prinzen ein mit viel Eiern und Rahm zubereitetes Erdbeereis.

Dieses wird, wie auf der dazugehörigen Zeichnung zu sehen ist, in einer turmhohen Ringform gefroren und dann gestürzt. Das Innere des Eisturms wird mit einer macédoine befüllt, einem bunten Obstsalat.

Francatelli, der übrigens später, von 1863 bis 1866, auch für Edwards junge Familie die Küche führte, gilt manchen als Erfinder des aus Teig gebackenen Eistütchens. In seinen zahlreichen Eis-Dessert-Rezepten nennt er sie wafer cornets (Waffelhörnchen), cones (Kegel) oder auf Französisch gauffres (Waffeln, heute mit nur einem f geschrieben).

Erst als Queen Victoria im Jahr 1901 starb, war der Weg auf den Königsthron frei, und am 9. August 1902 wurde der 59jährige Prince of Wales in der Westminster Abbey zu King Edward VII gekrönt. Manche Vorbehalte, die die britische Öffentlichkeit mit Victoria teilte, konnte er vor allem durch außenpolitische Erfolge ausräumen. Seine Sympathie für den Erzfeind Frankreich mündete 1904 in der entente cordiale (herzliche Übereinkunft), einem Ausgleich der kolonialen Interessen beider Länder außerhalb Europas, besonders in Afrika.

Im sonnigen Südwesten Frankreichs, im noblen Badeort Biarritz, kündigte sich im Frühjahr 1910 der Tod des Monarchen an. Dass sein Herz versagte, schreiben die Chronisten natürlich seinem exzessiven Lebenswandel zu. Zumindest schaffte Edward es noch zurück nach London, wo er jedoch am 6. August starb.

Trotz der relativ kurzen Regentschaft wurde auch King Edward mit geografischen Bezeichnungen und anderen Würdigungen seines Namens postum geehrt.

Aber schon 1901, kurz vor seiner Krönung, wurde in einer Biographie ein kulinarischer Genuss als Erfindung Edwards beschrieben, der bis heute von Cocktail-Liebhabern als

Prince of Wales

zubereitet wird.

Der anonyme Autor von The Private Life of King Edward VII nennt folgende Zutaten für das Mixgetränk:

  • Rye whisky (Roggenwhisky),
  • jeweils ein Spritzer Maraschino und Angostura,
  • ein Würfelchen Ananas,
  • Zitronenzeste,
  • ein Schuss Champagner
  • sowie Puderzucker,
  • serviert auf zerstoßenem Eis.

Die persönliche Urheberschaft Edwards für den Cocktail wird von Fachleuten der Barkeeper-Zunft angezweifelt. Möglicherweise hatte er derlei Drinks kennengelernt, als er im Alter von 18 Jahren die USA bereiste. Da war der Begriff Cocktail in Europa aber noch nicht sehr im Sprachgebrauch.

Es galt wohl allgemein als chic, alle möglichen Spirituosenmischungen durch eine Kombination mit dem edlen französischen Schaumwein aus der Champagne aufzuwerten. Mit der Schwächung des alten Feindbildes kam auch im Vereinigten Königreich – zumindest in gehobeneren Kreisen – das französische savoir-vivre in Mode.

Schon Ende des 19.Jhs. wird der Prince-of-Wales-Cocktail in einem englischen Fachbuch als Prince de Galles ins Französische übersetzt.

Und da schon das Rezept in der anonymen Biographie keine klaren Mischungsverhältnisse angibt, wird der Drink von verschiedenen Barkeepern auch unterschiedlich zubereitet. Als gemeinsamer Nenner gilt aber, dass er als Basis-Destillat einen Likör mit Bitternote und für die Spritzigkeit eben Champagner enthält. Und auch bezüglich des Ananas-Stückchens und der Zitronenzeste sind sich die meisten Fachleute einig.

(Foto: Cocktailmarler)

Alternativ zum Roggenwhisky kommen auch andere Whisk(e)y-Sorten, echter Cognac, Brandy und weitere Weinbrände zum Einsatz. Den herben Geschmack mixen die meisten Barkeeper mit dem aus sauren Kirschen in Italien hergestellten Maraschino bei, der wegen der mitverarbeiteten Kirschkerne eine leichte Bittermandelnote enthält. Oder mit Angostura, der ursprünglich als bittere Medizin gegen Tropenkrankheiten in Venezuela entstand und dessen wichtigste Geschmacksgeber Enzianwurzel, Bitterorange, Chinarinde und diverse exotische Gewürze sind. Aber auch andere bitters wie der aus Orangen gewonnene Curaçao oder der kräuterreiche Bénédictine kommen gerne in den Shaker. Wer es nicht gar so bitter mag, weicht auf die dry-Varianten von Likörweinen wie z.B. Madeira oder Sherry aus.

Vor allem hinsichtlich der Menge des zum Schluss dazugegossenen Champagners gibt es unterschiedlichste Ansichten, über die Barkeeper schon mal in philosophische Diskussionen geraten. Das Gleiche gilt für die Frage, ob und wann geschüttelt, gerührt oder gebaut, also schichtweise vorsichtig aufgegossen wird, welche optische und geschmackliche Dekoration angebracht ist und ob der Cocktail im silbernen Becher, im Tumbler oder im Champagnerkelch serviert werden sollte, ob mit oder ohne Trinkhalm, ob …

Dass der trinkfreudige Prince of Wales bei der Komposition des trinkbaren Prince of Wales ähnlich wählerisch gewesen wäre, muss nicht unbedingt angenommen werden!

King Edward Potatoe

Um 1910, dem Todesjahr Edwards, brachten britische Kartoffelzüchter eine neue Sorte auf den Markt, die sie King Edward tauften.

Sie gehört zu den mehlig kochenden Sorten und ist inzwischen auch auf dem europäischen Festland beliebt. Ihre Schale ist leicht rötlich gefleckt.

Eine Weiterzüchtung, verwandt mit der patata rossa aus →Cetica, kommt schon in kräftig purpurfarbenem Gewand daher und wird Red King Edward genannt.

Hat da etwa jemand an eine rote Knollennase nach dem Genuss diverser Princes of Wales gedacht …?