Ulis Culinaria

Heilige Drei Könige

anno 0001, Judäa

Seit mehr als 800 Jahren sollen sich in einem goldenen Schrein im Kölner Dom die sterblichen Überreste dreier Männer befinden, von denen man allerdings erstaunlich wenig weiß. Die Bezeichnung Dreikönigenschrein weist auf die im Christentum weit verbreitete Ansicht hin, es habe sich um jene drei orientalischen Könige gehandelt, die, geleitet von einem Kometen, nach Bethlehem in Judäa gezogen waren, um Jesus, dem gerade geborenen, vermeintlich neuen König der Juden, mit Geschenken ihre Aufwartung zu machen.

Könige ...

Dabei berichtet lediglich einer der vier Evangelisten, nämlich Matthäus, von diesem Ereignis. Aber er spricht in der Weihnachtsgeschichte, wie dieser Abschnitt meist genannt wird, weder von Königen noch von der Zahl drei, und die heute übliche Benennung als Caspar, Melchior und Balthasar ist im Matthäusevangelium schon gar nicht zu finden. Im griechischen Urtext ist lediglich die Rede von μαγοι άπό άνατολών (magoi apo anatolon), von Magiern aus dem Osten. Wobei der Begriff mágos freilich wenig zu tun hat mit Taschenspieler-Zauberei, wie sie von modernen Magiern auf Varietébühnen dargeboten wird. So wurden Menschen genannt, die aus Naturphänomenen Schlüsse zogen, die für normale Mitmenschen meistens ziemlich geheimnisvoll wirkten. Dazu gehörte schon seit Jahrtausenden die Sterndeuterei.

Deshalb ist nicht verwunderlich, dass laut Matthäus die Gratulanten ihre Suche nach dem Neugeborenen damit begründeten, ein plötzlich aufgegangener Stern habe sie auf das Ereignis hingewiesen und ihnen sogar den Weg gezeigt.

... oder ...

... Magier?

Die alternative Bezeichnung der Männer als Weise aus dem Morgenland kommt also der biblischen Beschreibung schon etwas näher. Nach Ansicht mancher Historiker könnte es sich um moghun, zoroastrische Priester aus Persien gehandelt haben, die bei ihrer von Zarathustra mehr als 1.000 Jahre vor Christus begründeten Suche nach den guten Mächten wohl Hoffnung schöpften, als ihnen die Sterne die Geburt des neuen Königs von Judäa ankündigten. Aber vom Mittelalter bis heute sind Astronomen bei dem Versuch gescheitert, der biblischen Erzählung irgendein reales himmlisches Ereignis wie beispielsweise die Passage eines größeren Kometen zuzuordnen. 

Die Bezeichnung der zoroastrischen Priester als moghun ist, über das griechische magoi, der etymologische Ursprung aller Begriffe um den Wortstamm Magi…, der in fast allen europäischen Sprachen die Zauberei umfasst.

Bereits in der Spätantike wurden aus den unbekannten Männern die drei Könige, deren Ankunft in Bethlehem in den meisten christlichen Religionen am 6. Januar gefeiert wird. Dieses Datum hat das Konkordat von 1801 für Epiphanias bestimmt, das Fest der Erscheinung des Herrn.

Auf die Zahl drei einigte man sich wegen der Myrrhe, des Weihrauchs und des Goldes, dieser drei Gaben, die sie dem Neugeborenen mitbrachten. Das Edelmetall und die beiden Baumharze galten schon immer als sehr wertvolle Gastgeschenke, bereits in alttestamentarischen Psalmen und anderen antiken Texten werden sie im Zusammenhang mit gegenseitigen Besuchen von Königen erwähnt. Da lag es für die kirchlichen Schriftgelehrten natürlich nahe, auch die persischen Sterndeuter im Nachhinein zu Königen zu ernennen. Und dann musste man nur noch die drei Geschenke gleichmäßig verteilen, um auf drei Könige zu kommen.

Die Personennamen, die man ihnen ab dem 6.Jh. zuschreibt, stammen vermutlich aus Sprachen, die zu Jesu Zeiten im vorderen Orient gesprochen wurden. Sprachforscher deuten Caspar als persische Form für Schatzhüter, vielleicht wäre er heute Finanzminister. Melchior lässt sich aus dem Hebräischen mit Herr des Lichtes übersetzen, und Balthasar wird aus einer weiteren semitischen Sprache abgeleitet und bedeutet, dass der Gott Baal ihn beschützen möge. Im Lauf der Zeit hat sich sogar eine recht einheitliche äußere Erscheinung der drei Gestalten herauskristallisiert. In unzähligen Gemälden, in geschnitzten Weihnachtskrippen und bei szenischen Darstellungen werden die drei Männer in orientalischer Kleidung – oder zumindest dem, was man sich darunter vorstellte – abgebildet, oft mit den typischen phrygischen Zipfelmützen oder mit Turbanen auf dem Kopf. Auffällig ist beispielsweise die Darstellung des Balthasar als dunkelhäutiger Mann.

Das wird gelegentlich damit begründet, dass man, entsprechend dem globalen Anspruch des Christentums, die drei Könige als Vertreter der damals bekannten Kontinente Asien, Europa und Afrika interpretierte, womit folglich die gesamte Welt von Beginn an dem neuen Heilsbringer gehuldigt hätte.

Dreikönigsschrein im Kölner Dom

Übrigens:

Trotz der seit Jahrhunderten üblichen Titulierung der drei Weisen als Heilige sind sie von der katholischen Kirche nie offiziell heiliggesprochen worden. Und dass es sich beim Inhalt des Kölner Reliquienschreins tatsächlich um ihre Asche handelt, glaubt selbst im Vatikan keiner wirklich.

von den Saturnalien ...

Mancherorts wird noch der Brauch gepflegt, dass an Epiphanias als orientalische Würdenträger verkleidete Sternensinger, meistens Kinder, von Haus zu Haus ziehen und mit Liedvortrag um Spenden für wohltätige Zwecke bitten. Nach erfolgreichem Besuch beschriften sie den Hauseingang mit den Anfangsbuchstaben der drei Namen, eingerahmt von der Jahreszahl, also z.B 20-C+M+B-19. Die Initialen werden gerne umgedeutet als Abkürzung für Christus Mansionem Benedicat, Christus möge das Haus segnen.

Und ein anderer, mindestens so alter Brauch, der hierzulande etwas in Vergessenheit geraten war, lebt derzeit wieder auf. Dabei hat der Dreikönigskuchen, der im Mittelpunkt des Brauches steht, nicht in der biblischen Erzählung seinen Ursprung, sondern in den altrömischen Saturnalien. Bei diesem Fest zu Ehren des Gottes Saturn, unter anderem zuständig für eine erfolgreiche Aussaat, wurden seit etwa 500 v. Chr. die gesellschaftlichen Regeln für einen Tag außer Kraft gesetzt. Dazu gehörte ein öffentliches Gelage mit vielen Speisen und Getränken, vor allem alkoholischen Getränken.

... zu Epiphanias

In den Familien feierte man nicht nur gemeinsam mit den Sklaven, sondern man kehrte die Herrschaftsverhältnisse um: Die Sklaven nahmen am Tisch ihrer Herrschaften Platz, und diese servierten Speis und Trank – das Verb ist schließlich abgeleitet von servus, lateinisch für Sklave oder Diener! Und meist wurde einer der Sklaven zum saturnalicus princeps gekürt, zum Fürst der Saturnalien, der den Herren mal so richtig die Meinung sagen durfte. Bei der Wahl des Princeps sollte es aber schon gerecht zugehen, also ließ man den Zufall entscheiden.

Und man bediente sich eines Verfahrens, das man in der Antike gelegentlich selbst bei der ernst gemeinten Besetzung politischer Ämter anwandte. In ein Brot oder einen gatum, einen Kuchen, wurde eine getrocknete Bohne eingebacken, und derjenige, der diese während des Mahles fand, war gewählt. Um jegliche Manipulation zu verhindern, wurde der Jüngste aller Anwesenden unter den Tisch gesetzt und musste jedesmal, wenn das nächste Stück des Gebäcks verteilt wurde, quasi blind entscheiden, welcher Gast es bekommen soll.

Dreikönigs-Kuchen

Im 16./17.Jh. wurde die Saturnalien-Tradition bei höfischen Festen wieder aufgegriffen und diente der Belustigung des gesamten Hofstaates. Die Bohne entschied dann entsprechend darüber, wer für einen Tag in die Rolle des Königs schlüpfen durfte. Nur der Sonnenkönig Louis XIV wollte seine Krone nicht einmal symbolisch, auch nicht für einen Tag, abgeben und machte Schluss mit lustig …

Aber das gemeine Volk vor allem in Frankreich hatte nach wie vor Spaß an dem Spiel mit den trois rois mages und buk unverdrossen jedes Jahr die Galette des Rois.

In den Jahren nach der Révolution Française zahlte man dem Sonnenkönig seine Humorlosigkeit heim. Aus dem Dreikönigstag wurde per Gesetz le jour des sans-culottes, der Tag der revolutionären Bürger, die sich die culottes, die feinen Kniebundhosen des Adels, nicht leisten konnten. Zeitweise wurde der Feiertag auch fête du bon voisinage genannt, Fest der guten Nachbarschaft. Und die galette des rois durfte nur noch als galette de l’Égalité oder de la Liberté verspeist werden.

Mit dem bis heute gebräuchlichen Begriff drei Magier-Könige schließen die Franzosen einen sprachlichen Kompromiss in der Frage, um wen es sich bei den von Matthäus erwähnten Geburtsgratulanten gehandelt hat.

Galette oder ...

Der antike Brauch, einen Kuchen als Versteck für die fève, die Saubohne, zu backen, blieb über die ganzen Jahrhunderte erhalten und wurde für das Epiphanias-Fest übernommen. Der Kuchen wird auch hier zur Lostrommel, und man spielt tirer le roi, den König ziehen.

Dabei hat sich hinsichtlich des Gebäcks eine Nord-Süd-Teilung entwickelt: Im größeren nördlichen Teil Frankreichs backt man die Galette des Rois, während im südlichen Drittel der Gâteau des Rois auf den festlich gedeckten Tisch kommt. Das ist nicht nur ein sprachlicher Unterschied!

Eine galette hat, wie z.B. die eben so genannte bretonische salzige Version der crêpe, immer eine recht flache Form. Auf einen Boden aus pâte feuilletée, aus Blätterteig, wird ein flacher Hügel aus →crème frangipane aufgestrichen, einer reichhaltigen Mandelzubereitung, die dem Kuchen stattlichen Gehalt verleiht. Der Frangipane-Hügel wird wiederum mit Blätterteig bedeckt und die Oberfläche erhält mit kunstvollen Einritzungen die Symbolik einer flammenden Sonne.

Galette des Rois mit fève und Papp-Krone

... Gâteau ?

Der gâteau dagegen ist, sprachlich abgeleitet vom gatum der alten Römer, ein schön hochgewölbter Kranz aus Briocheteig, einem buttrigen Hefeteig. Dieser wird angereichert mit geschmacklich und farblich bunten kandierten Früchten, die zusätzlich die Oberfläche des Kuchens verzieren. In den okzitanischen Dialekten des französischen Südens heißt er Corona dels Reis, denn die Früchte auf dem Kranz erinnern tatsächlich an eine mit farbigen Edelsteinen besetzte Königskrone.

Aber in beiden Versionen des französischen Kuchens wird natürlich vor dem Backen eine fève für die Zufallswahl des roi du jour, des Tageskönigs versteckt. Die Saubohne wurde nach und nach ersetzt durch kleine Figürchen oder religiöse Symbole. Beliebt war das Jesuskind, das man dann suchen musste wie im Jahr 0 die drei Könige den Stall in Bethlehem.

le roi boit !

Auch die anderen aus Weihnachtskrippen bekannten Figuren wurden bemüht, bis zu Ochs‘ und Esel. Das Figürchen bestand oft aus Metall, später kam dann als Modelliermaterial Porzellan in Mode. Aber man nennt es nach wie vor fève, und wer es findet, darf sich eine Krone aus Pappkarton aufsetzen und den ganzen Abend Königin oder König sein! Wenn diese/r dann das Glas erhebt, wird angestoßen mit dem Trinkspruch le roi boit! Jede Region schenkt dazu das Beste ein, das ihre Weinberge so hergeben, und je später dann der Abend wird und je häufiger der König trinkt, desto mehr wird der Trinkspruch zum Zungenbrecher …

Mittlerweile hat sich die Auswahl der Fève-Motive auf alle möglichen Themengebiete ausgeweitet, die mit der ursprünglichen biblischen Erzählung nichts mehr zu tun haben. Im sehr privaten Kreis kann sich da auch schon mal ein Fingerring, ein anderes wertvolles Schmuckstück oder eine personenbezogene kleine Kostbarkeit im Kuchen verstecken. Da ist es dann mit dem Zufallsverfahren allerdings vorbei.

Manche haben aus der Bohnenvielfalt eine regelrechte Sammelleidenschaft gemacht, die als fabophilie, wörtlich Bohnenliebhaberei, fast wissenschaftlich daherkommt.

Und längst werden die allermeisten Galettes und Gâteaux des Rois nicht mehr im privaten Backofen gebacken, sondern, inklusive einer aus goldenem Karton gestanzten Königskrone und einer Kunststoff-Fève, in der boulangerie, der pâtisserie oder gar im supermarché fertig gekauft – ein lukratives nachweihnachtliches Geschäft.

Rosca de Reyes

Auch auf der iberischen Halbinsel backt man den Dreikönigskuchen aus Hefeteig. In Spanien formt man ihn, wie bei den französischen Nachbarn, zu einem Kranz, dem Roscón de Reyes, oder, in Katalonien, dem Tortell de Reis. Spanische Kolonialherren exportierten den Brauch in die Neue Welt, und vor allem in Mexico wird bis heute die Rosca de Reyes gebacken.

In Portugal formt man den Hefeteig zu einem kompakten, halb-kugeligen Kuchen, der entsprechend Bolo Rei, Königskugel genannt wird.

roscón

bolo

tortell

Roscón de Reyes
Bolo Rei

Im Südosten der USA ist die französische Vergangenheit noch sehr spürbar. Vor allem in Louisiana, benannt zu Ehren von Louis XIV, und der Stadt La Nouvelle Orléans, heute New Orleans, wird der Brauch des tirer le roi und des Königskuchens nach wie vor gepflegt. Man gestaltet ihn gemäß der südfranzösischen Gâteau-Variante als bunt verzierten Kranz, hat ihn sprachlich allerdings als King Cake angliziert.

In der Schweiz wurde die Dreikönigskuchen-Sitte wiederbelebt und ist mittlerweile im gesamten Alpenstaat äußerst beliebt. Der Hobby-Historiker Max Währen hatte seit den 1940er Jahren den Brauch erforscht und entwickelte 1952 mit einer Bäckerei-Fachschule einen dazu passenden Kuchen. Man formte aus süßem, gerne mit reichlich Rosinen versetztem Hefeteig sechs bis acht gut faustgroße Kugeln, die wie Blütenblätter um eine größere Kugel gruppiert werden. Vor dem Ofengang wird die Blüte mit Hagelzucker und Mandelplättchen bestreut. Und in einer der kleinen Kugeln wird eine ganze Mandel versteckt, die den gleichen Zweck erfüllt wie die fève. Genau wie die echte Bohne wird auch die Mandel meist durch ein kleines Figürchen aus Porzellan ersetzt, hier stellt es normalerweise einen König mit langer Robe und Krone dar.

na, wer hat's gefunden ?

Der glückliche Eidgenosse, der es findet, darf sich Bohnenkönig nennen. In manchen Regionen, nicht nur in der Schweiz, wird sowohl eine Figürchen-Fève als auch eine echte Bohne eingebacken. Das Figürchen bestimmt dann den König, und der Finder der Bohne ist verantwortlich für den Kuchen im nächsten Jahr. In der frankophonen Schweiz backt man den kugeligen Kuchen als gâteau des rois, im italienischsprachigen Süden als Torta dei Re Magi. Inzwischen hat sich der von Währen neu belebte Brauch zu einem wichtigen Jahresanfangsgeschäft für die schweizerischen (Groß-) Bäckereien entwickelt. Man spricht von rund 1,5 Millionen Kuchen, die nur in der Woche vor dem 6. Januar über die Theke gehen. Da stehen selbst bei einer achtblättrigen Kuchenblüte die Chancen der 8,5 Mio. Eidgenossen gar nicht schlecht, zum Bohnenkönig zu werden!

Von der Schweiz aus finden der Kuchen und das zugehörige Spiel auch in Deutschland zunehmend Liebhaber. So manche Bäckerei hat das spezielle Gebäck bereits im Angebot. Ob es allerdings hierzulande zu einem Dreikönigs-Boom kommt wie in der Schweiz, bleibt abzuwarten …

Fèves aus Porzellan

Wo auch immer auf der Welt eine fève in einem Kuchen versteckt wird, um die Königin oder den König für einen Tag zu wählen, hat sich das kulinarische Spiel für die meisten Teilnehmer längst vom ursprünglichen biblischen Hintergrund verabschiedet – wie bei vielen anderen religiösen Bräuchen auch. Aber das Wichtigste ist eh, dass alle ihren Spaß haben, dass der Kuchen schmeckt – und dass sich keiner an der fève einen Zahn ausbeißt.

In diesem Sinne: Le roi boit!