Ulis Culinaria

Claude de France

*1499 Romorantin, †1524 Blois

Die Reineclaude, ein königliches Früchtchen

Sultan Süleyman I., unter dessen Herrschaft von 1520 bis 1566 das osmanische Reich politisch, geografisch und kulturell seinen Höhepunkt erlangte und den man deswegen den Prächtigen nannte, überreichte einst in Konstantinopel dem französischen Botschafter den Schößling eines in Europa noch unbekannten Baumes als Geschenk für François Ier. Die Früchte erinnerten in Größe, Konsistenz und Geschmack zwar an die heimischen Pflaumen, kleideten sich aber nicht in deren dunkles Violett, sondern kamen, obwohl voll ausgereift, in gelbgrünem Gewand daher. Dem französischen König gefiel das fruchtige Präsent des Sultans offensichtlich sehr, denn er taufte es nach seiner Gattin Claude.

François Ier
Süleyman I.

Die 1415 geschlossene Ehe mit der gerade 14jährigen Tochter von König Louis XII und Duchesse de Bretagne diente vor allem dem Ziel, die nordwestfranzösische Region in das Königreich einzubinden. Als François ein Jahr später zum roi de France gekrönt wurde, erhielt Claude automatisch den Titel der reine de France. Während der Gatte den Königsthron bis zu seinem Tod 1547 behielt, starb die bonne reine, wie sie vom Volk teils liebevoll, teils aus Mitleid genannt wurde, bereits mit 24 Jahren an einer Knochenkrankheit. Der frühe Tod war sicher auch den sieben Schwangerschaften in nur acht Jahren geschuldet, die ihren Körper ausgezehrt hatten.

Es ist also nicht einmal sicher, ob François die Frucht noch zu Lebzeiten seiner Gemahlin

Reine-Claude

taufte oder erst postum.

Manche Historiker glauben, die Benennung gehe auf Sultan Süleyman selbst zurück, der damit vielleicht seinem französischen Amtskollegen schmeicheln wollte.

Jedenfalls wird die Pflaumenvarietät in Frankreich noch heute unter diesem Namen genossen. Im Deutschen hat man ihn als Reineclaude oder Reneklode übernommen. Im süddeutschen Raum kürzt man ihn gerne als Ringlo ab. Auch in vielen anderen Sprachen wird die junge Königin mit der Frucht genannt. Selbst im Kyrillischen schreibt man Ренклод (Renklod).

Prunum ist die lateinische Bezeichnung für die Pflaume. In der Nomenklatur der Botanik (→Linné) fasst man unter Prunus eine ganze Pflanzengattung zusammen, zu der neben den Pflaumen selbst auch die Kirschen (Prunus cerasus und avium, →Giresun), der Pfirsich (P. persica), die Mandel (P. dulcis) und weitere Steinfrucht-Arten zählen.

Die Obstsorten, die wir Pflaumen nennen, gehören botanisch zur Art Prunus domestica. Und auch die Wissenschaft huldigt der Königin, indem sie die grünen Pflaumen mit dem Namen Prunus domestica var. claudiana von ihren violetten Artgenossinnen unterscheidet.

In der altfranzösischen Schreibweise prunes de la reyne Claude haben schon Botaniker des späten 16.Jhs. die Früchte beschrieben. Ihre saftige Süße wird, im Unterschied zu den violetten Schwestern, nur von wenig Säure gemildert, was sie vor allem als Tafelobst beliebt macht. Ansonsten verfügen Reineclauden über ähnlich vielfältige kulinarische Möglichkeiten, vorrangig natürlich in der Backstube oder auf der Desserstation.

Als eine der ältesten, aber bei deutschen Obstzüchtern hoch geschätzten Sorten gilt die Große Grüne Reneklode, die wahrscheinlich schon im 15.Jh. aus dem Orient kam. Vielleicht ist sie ja sogar das originale Sultans-Geschenk! Aus ihr wurde im 19.Jh. auf einem böhmischen Bauernhof Graf Althanns Reneklode gezüchtet, eine der ganz wenigen rothäutigen Sorten. In der Gegend von Lyon entstand anfangs des 19.Jhs. die reine-claude d’Oullins, die auf vielen Märkten zu finden ist. Eine weitere beliebte Züchtung ist nach der nordfranzösischen Gemeinde Bavay benannt.