Ulis Culinaria

Aphrodite

*griechische Antike, †unsterblich

Kulinarische Verführungen

Dass uns Menschen die Nahrung nicht nur satt machen und die biologischen Funktionen unseres Körpers aufrecht erhalten soll, ist eines jener viel beschworenen Geheimnisse, die uns vom Tier unterscheiden. Wir wollen, dass das, was wir im Pflanzen- und Tierreich an Essbarem finden, auch gut schmeckt, appetitlich aussieht und unser allgemeines Wohlgefühl steigert. Wenn die Natur das nicht selbst bewerkstelligt, verändern wir Gemüse, Früchte und Fleisch entsprechend und reden von Kochkunst.

Und sicher haben unsere Vorfahren schon vor Tausenden von Jahren, als man noch keinen Arzt oder Apotheker befragen konnte, entdeckt, dass so manche Kräuter, bestimmte Pilze oder aus Pflanzensäften gewonnene Getränke darüberhinaus rauschartige Zustände oder andere Risiken und Nebenwirkungen hervorrufen können.

Die in den verschiedensten Ecken der Welt gefundenen prähistorischen Höhlenmalereien mit den faszinierenden Tier- und Jagddarstellungen sind ja keine biologischen Sachabbildungen, sondern hatten wohl eher rituelle Funktion, ebenso wie die mit Farbe gesprühten Handumrisse und ähnliches. Dass so manches steinzeitliche Kunstwerk, wie später das eine oder andere PopArt-Gemälde, unter dem Einfluss von irgendwelchen Rauschmitteln entstand, ist gut vorstellbar. Bis heute spielen psychoaktive Substanzen in religiösen Kulten weltweit eine Rolle, auch der in katholischen Kirchen geschwenkte Weihrauchkessel dient nicht nur der optischen Verschleierung.

Im Tierreich gibt es natürlich die unvergessliche, in Filmen festgehaltene Komik von Affen oder Elefanten, die nach dem Verzehr von überreifen, vergorenen Früchten sichtlich beschwipst von dannen torkeln. Aber der Mensch hat darüberhinaus gelernt, Alkohol und andere Drogen bewusst aus Pflanzen herzustellen. Die bekanntesten Tatorte sind der Weinkeller, das Brauhaus oder die Destillerie, manche Drogen entstehen längst synthetisch im Chemielabor.

Anthropologen gehen davon aus, dass der Mensch ebenso früh gemerkt hat, dass auch der Geschlechtsakt nicht nur eine Pflichtleistung zur Arterhaltung sein muss, sondern wie die Nahrungsaufnahme mit viel Lust und Spaß einhergehen kann. Und dann beides, kulinarisches und sexuelles Vergnügen, miteinander zu kombinieren, war eigentlich ein naheliegender Schritt.

Es ist sicher kein Zufall, dass in der biblischen Erzählung vom Sündenfall des Menschen und der Vertreibung aus dem Paradies nicht etwa ein Edelstein, Gold oder eine andere Kostbarkeit zum Prüfstein wird, sondern eine simple Frucht. Ob man diese als Apfel, Granatapfel oder was auch immer identifiziert, ist gar nicht so entscheidend. Denn allein, dass Gott Adam und Eva mit etwas Essbarem auf die Probe stellte, ist schon auffällig. Nachdem im 15.Jh. die Tomate aus Mittelamerika nach Europa kam, haben manche ihr diese Funktion zugesprochen. Man nannte die neuartige Frucht Paradiesapfel, in Österreich heißt die Tomate bis heute Paradeiser.

In der vielgestaltigen Götterwelt der alten Griechen gab es bekanntlich feste Zuständigkeiten für praktisch alle Lebensbereiche. Und für die erotische Spannung zwischen Mann und Frau war die Göttin Aphrodite verantwortlich, in der altrömischen Mythologie nannte man sie →Venus. Schon ihre Herkunft hat, so beschreibt es jedenfalls Hesiod, mit dem Geschlechterkampf zu tun. Der Himmelsherrscher Uranos hasste seine Kinder, die er mit der Erdengöttin Gaia gezeugt hatte, so sehr, dass ihn irgendwann sein eigener Sohn Kronos, von der Mutter angestiftet, mit einer Sichel entmannte. Kronos warf das abgetrennte Geschlechtsteil des Vaters ins Meer, wo in der Gischt aus den Samen des Uranus Aphrodite entstand. Der in der Meeresbrandung entstehende Schaum heißt im Griechischen aphros, die meisten Sprachforscher übersetzen Aphrodite folglich mit die Schaumgeborene. Es sind zahreiche antike Darstellungen der Geburtszene als Skulptur oder Vasenmalerei erhalten, bei denen die Göttin auf einer Muschel der Brandung an der zyprischen Küste entsteigt.

Meist handelt es sich um eine Jakobsmuschel, ihrer charakteristischen Form wegen Inbegriff der Schalentiere (→Jakobus), oder um die ähnlich gerippte Venusmuschel. Die 1820 auf der Ägäis-Insel Melos gefundene Frauenstatue eines unbekannten hellenistischen Bildhauers aus dem 2. vorchristlichen Jahrhundert haben die Archäologen trotz fehlender Muschelschale, aber wegen ihrer vollkommenen weiblichen Schönheit Aphrodite von Melos (Venus von Milo) getauft, heute zu bewundern im Pariser Louvre. Die sicher bekannteste künstlerische Geburt der Venus (it. La nascita di Venere) hat der italienische Renaissancemaler Sandro Botticelli 1485 auf Leinwand gebannt. Wie uns Aristoteles übermittelte, kam die Muschel zu ihrer Funktion als Geburtshelferin, weil man ihr selbst keine geschlechtliche Fortpflanzung zutraute, sondern glaubte, auch sie entstünde aus dem aphros.

Wie sehr es unter den antiken Göttinnen und Göttern menschelte, zeigt die Geschichte von der ältesten bekannten Misswahl. Die Göttermutter Hera, die Weisheitsgöttin Athene und Aphrodite einigten sich auf den Prinzen Paris aus Troja als Schiedsrichter im Streit, wer von ihnen denn die Schönste sei. Da dem jungen Mann das Bestechungsangebot von Aphrodite, ihm die schöne →Helena zur Frau zu geben, am verlockendsten erschien, fiel das Urteil des Paris prompt zu ihren Gunsten aus. Da nun Helena leider schon verheiratet war, folgte dem Schönheitswettbewerb das bekannte Drama mit Helenas Entführung durch Paris und dem Trojanischen Krieg, der erst durch die List mit dem sagenumwobenen hölzernen Pferd beendet wurde.

Entführung Helenas, Schönbrunn, Wien
Hermes/Merkur

Auch Aphrodites Ehe mit dem Feuergott Hephaistos, dem Patron der Schmiede, war von Seitensprüngen und Eifersüchteleien geprägt. Sie hatte Affären – und Kinder – mit mehreren anderen Göttern wie dem kriegerischen Ares und dem Götterboten Hermes, dem sie den zwiegeschlechtlichen Hermaphroditen gebar (welchen sadistischen Hintergedanken müssen jene Astronomen gehegt haben, die Aphrodite und Hermes unter ihren lateinischen Namen Venus und Merkur im Planetensystem so angesiedelt haben, dass sie sich zwar immer wieder ziemlich nahekommen, sich aber doch nie berühren dürfen …!).

Aber auch mit Sterblichen wie dem Troja-Helden Anchises oder mit dem schönen Halbgott Adonis ließ sie sich auf Liebesabenteuer ein, für die sich Hephaistos gelegentlich blutig rächte.

In der Liebschaft mit Dionysos, dem ekstatischen Gott des Weines, ging Aphrodite eine Verbindung von körperlicher und kulinarischer Begierde ein. Das Ergebnis war Priapos, den die Griechen als Bewahrer aller essbaren Gaben der Natur verehrten und der für gedeihlichen Ackerbau und erfolgreiche Viehzucht zu sorgen hatte.

Allen Kunstwerken, die Aphrodite oder ihre römische Kollegin Venus zeigen, ist die idealisierte, makellose Schönheit der Frauengestalt gemeinsam. Das unterscheidet sie von prähistorischen kultischen Darstellungen, bei denen häufig zur Versinnbildlichung der Fruchtbarkeit die Vagina überproportional herausgestellt oder die weiblichen Brüste in großer Vervielfältigung ausgebildet wurden, während Arme und Beine kaum, Kopf und Gesicht oft gar nicht erkennbar sind. Eine analoge Funktion haben männliche Skulpturen mit übergroßem Phallus.

In der Archäologie werden solche weiblichen Fruchtbarkeitssymbole gerne als Venus bezeichnet und meist nach ihrem Fundort unterschieden wie z.B. die etwa 30.000 Jahre alte Venus von Willendorf (Abb. links).

Das entspricht allerdings nicht so recht der jeweiligen kultischen Bedeutung. Denn Venus bzw. Aphrodite galten eben gerade nicht als Verkörperung der rein biologischen Fortpflanzungsfähigkeit, sondern als erotisch anziehendes Schönheitsideal.

Zugegeben: Eine ziemlich maskuline Sicht. Aber immerhin gab es mit Achilles, Adonis, Herakles und anderen auch männliche Idealfiguren, an denen sicher manche Griechin Gefallen finden konnte.

Achilles, Hyde Park, London

Aphrodisiaka

Diese lustbetonte erotische Anziehungskraft zwischen Frau und Mann, Frau und Frau oder Mann und Mann, die sich gegenüber der arterhaltenden Funktion als eigenständiges Vergnügen emanzipiert hat, bezeichnet die Psychologie mit dem lateinischen Begriff Libido für Begehren. Und die Menschen der Antike verbanden mit der hierfür geborenen Aphrodite allerlei Lebensmittel, die zur Steigerung des sexuellen Vergnügens beitragen können. Für den Liebesgenuss leiteten sie von dem göttlichen Namen das Wort aphrodisia ab, und dazu passende ess- oder trinkbare Substanzen werden dementsprechend als Aphrodisiaka (Singular Aphrodisiakum) bezeichnet.

Myrtus communis

Den schon erwähnten Granatapfel erkoren sie zum Attribut der Göttin, einerseits wohl wegen des Samenreichtums, sicher aber auch wegen der saftigen Süße und der leuchtend roten Farbe seines Inneren. Mit der Myrte (Myrtus communis) widmete man der Aphrodite eine zweite Pflanze. Die aromatischen getrockneten Blätter des Strauches werden heute nur noch selten als Küchengewürz verwendet. Aber die leicht scharf schmeckenden Beeren der Myrte gaben vor der Ankunft des Pfeffers in Europa vielen Speisen Feuer. Dieser Verwendung verdankt die italienische →Mortadella-Wurst, von lateinisch myrta über myrtatella abgeleitet, ihren Namen. Der antike Brauch, eine Braut zur Hochzeit mit Myrtenzweigen als Symbol für dauerhafte Liebe zu schmücken, hat sich im Mittelalter mit Myrtenkranz im Haar und bis heute mit der Tradition des Brautstraußes fortgesetzt.

Hier soll nur die Rede sein von solchen Aphrodisiaka, die man im weitesten Sinn mit Kulinarik verbinden kann. Es werden also Substanzen wie Bibergeil, Spanische Fliege oder bestimmte Parfümstoffe wie Moschus und Amber genauso wenig erläutert wie Alraune und andere Pflanzen, aus denen man jahrhundertelang versuchte, zauberkräftige Liebeselixiere zu brauen. Auch bleiben natürliche und synthetische Substanzen wie das gemahlene Horn des Rhinozeros oder Viagra und andere sog. Potenzmittel außen vor, die hauptsächlich der Erhaltung oder Wiederherstellung der (männlichen!) Sexualfunktionen dienen (sollen!) und die deshalb zwar umgangssprachlich, aber nicht von der Wissenschaft zu den Aphrodisiaka gezählt werden.

kulinarisches Spiel - Lust und Genuss

Generationen von Kindern haben den mahnenden Spruch mit Essen spielt man nicht! gehört. Dabei ist der Umgang mit Lebensmitteln, seit man von Kochkunst spricht, immer auch ein köstliches Spiel. Ein Spiel mit Geschmacksnuancen und Düften, mit Farben, Konsistenzen und Formen.

Wenn beispielsweise →Escoffier einen pochierten, hautfarbenen Pfirsich auf Erdbeereis unter einem zarten Zuckerschleier versteckt und das Dessert, inspiriert von den erotischen Schleiertänzen einer Schauspielerin, Coupe Blanche d’Antigny (→Antigny) tauft, was ist das anderes als ein phantasievolles Spiel!

Ob man die in Asien schon lange gepflegte Gemüse-Schnitzerei als Kunst oder Kitsch empfindet, ist Geschmackssache. Aber sie ist jedenfalls ein mit Ernst betriebenes Spiel.

Was trieb die unbekannte Bäckerin anderes als ein Spiel, die als Erste auf die Idee kam, einen Brotteig in eine figürliche Form zu kneten, Vorläufer aller ausgestochenen Weihnachtskekse, aller Lebkuchenmännchen und Knusperhäuschen sowie der Liebesherzen, die man auf dem Jahrmarkt seiner/seinem Liebsten um den Hals hängt? Alles, was beim Anrichten von Speisen unter dem Motto Das Auge isst mit! betrieben wird, wäre völlig überflüssig, wenn es um bloße Sättigung ginge. Nicht ohne Grund unterscheiden wir zwischen Appetit und Hunger. Mit der gleichen Berechtigung geht es bei Aphrodisiaka nicht um die Befriedigung des biologischen Sexual-Triebes, sondern darum, die Lust auf ein schönes erotisches Spiel zu wecken oder zu steigern.

Und dafür bedarf es mitunter nicht einmal der Kreativität beim Zubereiten und beim Anrichten der Speisen. Denn die Natur hat manche essbaren Pflanzen und Tiere selbst so gestaltet, dass sie unsere Phantasie anregen können. Gerade die menschliche Vorstellungskraft ist mit Sicherheit auch das eigentlich Interessante bei der Frage, welche Speise nun tatsächlich aphrodisierend wirkt. Natürlich haben Medizin und Pharmakologie längst nachgewiesen, dass bei vielen Lebensmitteln die nachgesagte libidinöse Wunderkraft reiner Aberglaube ist.

Andererseits enthalten manche pflanzliche oder tierische Lebensmittel bestimmte Mineralien, Vitamine oder andere Substanzen in Mengen, die messbare sexuelle Stimulation bewirken können. Das soll an dieser Stelle auch gar nicht weiter untersucht werden, darüber haben Fachleute ausreichend dicke Bücher verfasst. Aber warum soll ein Placebo-Effekt, der sich bei Medikamenten nachweisen lässt, nicht auch für Speisen gelten, wenn es ein verliebtes Paar denn so will?

Das schon fast abgedroschene Motto, dass Liebe durch den Magen geht, lässt sich zumindest dann nicht widerlegen, wenn Koch und Köchin bzw. Genießerin und Genießer es schlicht glauben wollen. Das Letzte, was hier beabsichtigt ist, wäre eine wissenschaftliche Zerstörung der Lust an erotisch-kulinarischem Spiel.

Noch bevor man eine Speise mit Zunge und Gaumen erkundet, springt oft schon eine besondere Form ins Auge. Unübersehbar ist das bei der Königin der Gemüse, dem Spargel. Dem weiß oder grün geernteten Stangengemüse mit dem zarten Köpfchen fällt es wirklich nicht schwer, an das Körperteil zu erinnern, das der Mann gerne als sein bestes Stück bezeichnet. Die uralte indische Heilkunde Ayurveda empfiehlt Frauen, die ihre Libido steigern wollen, das Kochwasser von Spargel als Tee zu trinken.

Ähnliche Form-Assoziation können die noch ungeöffneten Blütenköpfchen ganz junger Artischocken hervorrufen, ebenso Karotten, Gurken und Bananen. Selbst ein zartes Wiener Würstchen oder eine knackige Bockwurst können beim Liebesmahl ihre Unschuld verlieren.

Ein weibliches Gegenstück bildet eine frisch geöffnete Auster, deren rosig-silbriges Fleisch mit dem Geschmack des Meeres sich genüsslich aus der Schale schlürfen lässt. Der hohe Eiweißgehalt der Muscheln soll den für seine Liebesabenteuer berühmten Giacomo Casanova dazu bewogen haben, fünfzig Austern schon beim Frühstück zu verspeisen, um für den Tag gerüstet zu sein. Inzwischen wurde sogar festgestellt, dass bestimmte Inhaltsstoffe von Auster, Venusmuschel & Co. tatsächlich die Ausschüttung der Sexualhormone Testosteron und Östrogen fördern und so die Libido anheizen können. Die Venusmuschel hat ihren Namen einerseits von ihrer Teilnahme bei der Geburt der Aphrodite (s.o.!), wurde aber auch als Abbild des schönen Nabels der Liebesgöttin angesehen.

Eine reife, halbierte Feige kann, im richtigen Zusammenhang serviert, in Form und Farbe erotischen Vergleichen standhalten. Saftigkeit und Süße tun ein Übriges.

Auch bei anderen Früchten kann ein aphrodisierender Reiz durch das Zusammenspiel von Form, Farbe, Konsistenz und Geschmack entstehen. Rot ist bekanntlich nicht nur Warnsignal, sondern auch die Symbolfarbe der Liebe. Das sinnliche Rot von Lippen hat 1930 Paul Zech zu den Versen für Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund inspiriert, ganz im Geiste des französischen Balladendichters François Villon. Unvergesslich die auf Video festgehaltene Rezitation von Klaus Kinski. Erdbeeren bietet auch Richard Gere seiner Filmpartnerin Julia Roberts zum Champagnerfrühstück in der Liebeskomödie Pretty Woman an.

Bilder einer lasziv zwischen die Lippen geschobenen Kirsche geben auch schon mal Werbeclips den erotischen Touch. Aus einer simplen Schlagsahne mit ihrer cremigen Konsistenz, vielleicht etwas gesüßt und mit Vanille aromatisiert, wird in wundersamer Verwandlung eine erotische Delikatesse, wenn sie zärtlich von der nackten Haut der bzw. des Geliebten geschleckt wird.

Zusätzlichen Kitzel bieten die knallroten Chilifrüchte. Denn deren Schärfe, transportiert im Capsaicin (→Scoville), verursacht einen gewissen Schmerz, der als Lustschmerz für manche zum sexuellen Vergnügen gehört. So gesehen kann der Cayenne-gewürzte Tomatensaft-Wodka-Drink Bloody Mary durchaus als Aphrodisiakum fungieren (→Tudor).

Generell wird Lebensmitteln, die für ihren Reichtum an bestimmten stärkenden oder blutdrucksteigernden Substanzen bekannt sind, gerne eine aphrodisierende Wirkung nachgesagt. Aber auch bei Sellerie, Ei, Knoblauch, Ingwer, Ginseng, rohem Steak und anderen noch so gesunden Dingen sei auf den kleinen, aber feinen Unterschied zwischen Potenzsteigerung und darüber hinausgehendem Lustgewinn hingewiesen.

Wegen der betörenden Düfte, die von den ätherischen Ölen vor allem mediterraner Kräuter ausgehen, werden manchen von ihnen luststeigernde Wirkungen nachgesagt. Auch bei Basilikum, Oregano und Kollegen ist ohne Zweifel die Bereitschaft, sich auf das sinnliche Spiel einzulassen, wichtiger als der medizinische Beweis. Im Mittelalter wurde manches bis dahin unbekannte Gewürz aus dem Orient von der Kirche allein deshalb als Teufelszeug verdammt, weil ihm der Volksglaube erotische Wunderkräfte zuschrieb. Dazu gehörte der Safran, der mittlerweile selbst im Kinderlied den Kuchen geel macht, ebenso wie der Zimt, der längst zum Alltagsgewürz geworden ist.

Auch die kostbaren schwarzen und weißen →Trüffel wurden immer wieder zu den luststeigernden Pilzen gezählt, weshalb sie ebenfalls der katholischen Kirche zeitweise ein Dorn im Auge waren. Als Beleg für die Sündhaftigkeit der Pilze wurde unter anderem angeführt, dass die Eber, die als Trüffelschweine bei der Suche halfen, durch Duftstoffe angelockt würden, die sie wohl an den Geruch paarungsbereiter Sauen erinnerten.

Überhaupt verdankt manches Würz- oder Lebensmittel seine Aufzählung als Aphrodisiakum hauptsächlich dem hohen Preis, der dafür zu entrichten war oder noch ist. Nicht nur für Casanova gehörte zum Liebesspiel eine gewisse Luxusattitüde. Neben Safran und Zimt waren das die immer noch teure Echte Vanille und der anregende Kaffee mit seinen über 500 Aromen. Der so schön prickelnde Champagner passt zur prickelnden Erotik, und ein vom Perlmuttlöffelchen geschlürftes Häufchen Kaviar gilt vielen bis heute als Edelgenuss.

Die längst zum Massengut gewordene Schokolade, ob als verführerische Praline, als zart schmelzender Überguss oder als wärmendes Getränk, war nach ihrer Ankunft aus Mexiko lange Zeit ein reiner Luxusgenuss. Dass Schokolade Glückshormone freisetzen kann, ist immerhin erwiesen. In der seit einiger Zeit praktizierten Kombination von Chili mit Schokolade verbinden sich zwei scheinbar gegensätzliche Geschmacksrichtungen zu einem anregenden Duett, zum Glücksgefühl gesellt sich der Lustschmerz.

Alkohol, die meistgenossene legale Droge der Welt, ist auch als Liebeshelfer ein sehr zweischneidiges Schwert. In Maßen genossen, kann er eine eventuell vorhandene Schüchternheit sicher etwas lockern und so als Aphrodisiakum taugen. Doch ist die Grenze, bei der aus angenehmer Enthemmung frustrierende Ermattung wird und Körper und Geist wortwörtlich erschlaffen, schneller erreicht, als manche es sich wünschen. Und wenn dann bereits beim Vorspiel der Abpfiff erfolgt, spielt auch keine Rolle mehr, ob es sich um edlen Schaumwein oder ein einfaches Bier, um alten Cognac oder einen billigen Schnaps gehandelt hat.

Der Honig, dieses weltweit und seit Urzeiten geschätzte süße Geschenk der Natur, hat im Englischen dem Honeymoon den Namen geliehen, der verliebten Zeit des frisch vermählten Paares. Neben seiner Süße kann der seimige Honig natürlich auch die oben beschriebene Rolle der Schlagsahne einnehmen.

Hier alle Lebensmittel aufzuzählen, denen man auch in vielen außereuropäischen Kulturen luststeigernde Wirkung zugewiesen hat, würde den Rahmen sprengen. Aber die anthropologische Literatur zu diesem Thema füllt große Regale.

Auf die Spitze hat es die Supernase Grenouille im Roman Das Parfüm von Patrick Süskind getrieben. Um den erotisch betörendsten Duft der Welt, quasi das absolute Aphrodisiakum, aus weiblichen Körpern zu extrahieren, schreckt der Parfumeur selbst vor mehrfachem Mord nicht zurück. Er entkommt der Todesstrafe, indem er kurz vor seiner Hinrichtung mit einem einzigen kleinen Tropfen seines Wunderparfüms die gesamte Bevölkerung der französischen Düfte-Hauptstadt→ Grasse in erotische Ekstase versetzt.

Aber man muss ja mit einem raffiniert zusammengestellten lustvollen Mahl nicht unbedingt bis zu einem derartigen tödlichen Extrem gehen.

Damit es beiden – oder allen – Beteiligten nicht nur gut schmeckt, sondern weitergehende Gefühle auslöst, bedarf es neben den ausgesuchten Speisen und Getränken vor allem einer Grundzutat:

Phantasie!