Ulis Culinaria

Berck

1922 verschlug es zwei Damen aus dem Baskenland in das Fischerdorf an der französischen Ärmelkanal-Küste: Marie Bouet und Lucie Bousqué begannen im Haus 51, rue Carnot, ihren Lebensunterhalt mit der Herstellung von Bonbons und Lutschern zu bestreiten. Dabei waren sie dank des sommerlichen Zustroms von Touristen am kilometerlangen Strand von Berck so

erfolgreich (Erfolg = frz. succès), dass sie ihre Ware als Succès berckois vermarkteten. Ein Wortspiel liegt in der Ähnlichkeit mit dem französischen sucettes für Lutscher. Neben den Touristen lebte das Geschäft auch von zahlreichen Tuberkulosepatienten, die von den noch heute vorhandenen Kliniken aus in Karren und Rollstühlen an den Strand gebracht wurden, um in der Seeluft Linderung zu finden.

Kurklinik in Berck, um 1880

Trotz mehrerer Besitzerwechsel und Umzüge werden noch heute im Haus der beiden Damen, inzwischen 31, rue Carnot, die berlingot-förmigen Bonbons mit der Schere vom handgezogenen Zuckerstrang geschnitten (→Carpentras). Die roten Lutscher erinnern mit ihrer Peperoniform an die baskische Heimat (→Espelette). Diese heute selten gewordene, spektakuläre Handarbeit kann man nicht nur direkt vor Ort ansehen, sondern auch selbst ausprobieren. Dabei hat man die Auswahl aus traditionellen Geschmacksvarianten wie Anis, Pfefferminze, Mandelkaramell oder Veilchen. Der aktuelle Bonbonmacher, in nun vierter Generation, hat zudem innovative, aber regional bezogene Kreationen mit Aromen von Chicorée, calvadosflambierten Äpfeln, Spekulatius und andere im Angebot.

Ein spektakulärer Höhepunkt zum Saisonauftakt:

Auf den rund 12km Strand treffen sich jedes Jahr für zwei Wochen in der Osterzeit bis zu eine Million Liebhaber, die bei den

Rencontres internationales de cerfs-volants

ihre phantasievoll gestalteten Drachen (frz. cerf-volant, Hirschkäfer oder, wörtlich, fliegender Hirsch) steigen lassen. Die dabei an den Himmel gezauberte Farbenvielfalt passt gut zu den bunten Succès berckois.

Als Seelentröster könnten die Süßigkeiten 1962 auch der amerikanischen Dichterin Sylvia Plath gedient haben. In ihrem düster-traurigen Gedicht Berck-Plage (1965 in dem Sammelband Ariel veröffentlicht) hat sie den Strand von Berck als einen Ort beschrieben, an dem es zu verweilen lohnt.